Interviews

UK Animal Liberation in the Wake of #TimesUpAR’. Interviewed by Michael John Addario for Animal Liberation Currents. July 2018.


Intersektionen der Tierbefreiung (Intersections in animal liberation) – an interview by Grune Woche Demaskieren about making the animal rights scene safe and accessible, about the appropriation of ‘intersectionality’ by white animal activists and about Agnes’ favourite topic, kyriarchy.

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In unserer Tierbefreiungsarbeit sehen wir als Aktivistis von Grüne Woche Demaskieren uns in unserer Arbeit kontinuierlich mit anderen Unterdrückungsstrukturen konfrontiert. Erst kürzlich mussten Geflüchtete, welche in Halle 26 der Berliner Messe übergangsweise untergebracht waren, diese hastig räumen, da insgesamt 25 Hallen für die Propagandaveranstaltung nicht ausreichen. Sie wurden innerhalb weniger Stunden in das baufällige ICC gebracht. Der strukturelle Rassismus, der vom Staat ausgeht, beschäftigt uns daher ebenso wie der allgegenwärtige Sexismus in unserer Gesellschaft und sogar Teilen der Tierbewegung(en), sowie die kapitalistische Verwertung von nicht-menschlichen Tieren. Weitere Herrschaftseingriffe wie Respression durch Polizeigewalt und Gerichtsprozesse ergeben dadurch ein vielschichtiges Bild. Wir haben zu dem Thema mit Aga Trzak gesprochen. Wie weit gehen diese Probleme und sind sie sogar miteinander verbunden?

Trigger Warnung: Diskussion von Gewalt gegen nicht-menschliche Tiere und auch gegen Menschen. Zitation sexistischer Sprache.

Grüne Woche Demaskieren: Aga Trzak, kannst Du kurz was über Dich sagen?

Aga: Mein Pronomen ist das Sie im Singular und ich bin queerfeministisch in der europäischen Tierbefreiungsszene unterwegs. Ich stehe im Moment kurz vor der Verteidigung meiner Doktorarbeit, welche meinen Aktivismus in die Welt der Akademiker*innen bringen soll. Wenn ich nicht gerade mit meiner Aktivistigruppe “Anti-Speciesist Women” aktiv bin, dann wohne ich zusammen mit vier Hunden, einem Dutzend Enten und drei Hasen auf dem Land. Ich freue mich sehr, hier die Möglichkeit zu haben, ein bisschen über meine Lieblingsthemen zu schreiben, also danke schon mal für die Denkanstöße und die Gelegenheit über diese Themen zu sprechen!

GWD: Wir sehen derzeit einen großen Boom des Veganismus, aber gleichzeitig eine wachsende Unbedarftheit vieler aktivistischer Gruppen in Bezug auf verschiedene Formen von Sexismus und auch rechter Ideologie. Sexistische Sprache und Bodyshaming finden sich überall. Häufig gibt es das Argument, “für die Tiere” bei menschenfeindlichen Positionen mal nicht so genau hinzuschauen. Kannst Du das aus (queer-)feministischer Sicht einordnen?

Aga: Absolut, ich bemerke gerade genau die gleiche Entwicklung in England, wo ich hauptsächlich aktiv bin. Ich selbst bin durch den Feminismus erst auf die Tierbefreiung gekommen. Im Feminismus beschäftigen wir uns sehr viel mit Konsens. Das deutsche Wort ist dabei recht mehrdeutig, daher bevorzuge ich das Wort “Consent”. Konsens oder Consent schafft in meinen Augen die Basis der anarchistischen Idee von ahierarchischen, horizontalen, vielleicht runden, vermischten, verschiedenen, vielfältigen und inklusiven Beziehungen und Kommunikationsprozessen. Um gefährliche Machtverhältnisse, die unter anderem zu Sexismus, Nationalismus, Ableismus oder Speziesismus (usw.) führen abzuschaffen, müssen wir Consent erfragen. Das ist nicht immer ganz einfach: Wir können ja nicht immer jede Person fragen: ‘Möchtest du in diesem und jenem Augenblick, dich auf diese und jene Bedingungen einlassen, um mit mir zu kommunizieren und somit ein Verhältnis zu mir eingehen?’ Ich sage hier bewusst ‘zu’ nicht ‘mit’, da Kommunikation immer ein Prozess des Gegenüberstellens und Vergleichens ist.

Eine Sache ist klar; stelle ich einem Tier die Frage, ‘möchtest du heute getötet werden, damit ich dich essen kann’, würde wohl jedes Tier diese Bedingungen für eine Beziehung zu mir ablehnen. Ginge ich die Beziehung zu diesem Individuum dann trotzdem unter diesen Bedingungen ein, würde ich dessen Selbstbestimmung verletzen und meine Macht über dieses Individuum ausüben. Dies nicht zu tun, sollte vielleicht die erste Regel des Feminismus sowie des Antispeziesismus und aller weiterer emanzipatorischer Anstätze und Ansprüche sein.

GWD: Wie bist Du zu dieser Position gekommen?

Aga: Ich hatte schon Jahre daran gearbeitet, meine Privilegien, also die Vorteile, die mir einfach so in unserer eurozentrischen, kapitalistischen Gesellschaft zustehen, zu bemerken und abzubauen. So wurden (und werden bis heute noch) meine Beziehungen zu Menschen (auf persönlicher sowie politischer Ebene) immer horizontaler und weniger beherrscht von Machtverhältnissen, in denen ich Leute mit weniger Privilegien unterdrücke. Eine logische Schlussfolgerung meiner anti-kolonialistischen und feministischen Arbeit an mir selbst war dann, die Tiere auch endlich nicht mehr zu unterdrücken, um zu ihrer Befreiung beizutragen. Leider haben die meisten mir damals bekannten Feminist*innen diesen Entschluss zu der Zeit noch nicht ziehen können, was mich dann dazu brachte, den großen Fehler zu begehen und mich den örtlichen Tieraktivist*innen anzuschließen.

GWD: Du sagst es war ein großer Fehler? Was beobachtest Du in Tieraktivist*innen-Gruppen?

Aga: Leider dachte ich damals, dass alle Tierbefrerier*innen den gleichen Weg zum Antispeziesismus gegangen seien, wie der, den ich selbst erlebt hatte. Als erstes habe ich bemerkt, dass Veganismus nicht gleich Antispeziesismus bedeutet und viele ‘Veganer*innen’ weiterhin Tiere unterdrücken und sogar töten.[1] Des Weiteren war ich schnell schockiert, klare Machtverhältnisse in meiner neuen Gruppe erkennen zu können. Zwei cis Männer [2] hatten die ganze Gruppe fest im Griff und wurden förmlich vom Rest der Aktivist*innen vergöttert. Zu erst dachte ich mir: ‘Okay, die haben mehr Erfahrung mit Tiersachen, die kennen die örtliche Polizei, die wissen welche Taktiken wo am besten eingesetzt werden sollten’ … Zum ersten Mal bin ich wirklich wütend geworden, als einer der beiden eine Frau, die er durch ein Fenster sah, als ‘fat cunt’ (fette Fotze) bezeichnete und sein Kumpel das super lustig fand. Natürlich fanden die beiden meine Reaktion übertrieben und unangebracht. Leider verbrachte ich danach noch mehr Zeit in dieser Gruppe. Ohne jeglichen Erfolg irgendetwas dort zu ändern. Mir wurde dann schnell bewusst, dass die Taktiken, die mehr von den Egos der beiden beherrscht waren als vom Befreiungsgedanken, den Tieren schadeten. Dazu stellte sich dann auch heraus, dass die Organisierenden zusammen mit Rechten, Queerhasser*innen und Pro-Lifern Demos veranstalten und dies vehement ‘für die Tiere’ bis ins Grab verteidigen. Kurz darauf stellte ich fest, dass die Macht, die Einzelpersonen über ganze Gruppen haben, ein Problem überall ist. Also blieb mir nichts Anderes übrig als meine eigene Gruppe zu eröffnen, in welcher ich als erstes eine Geborgenheit, die sich durch Solidarität ausdrücken sollte, in unsere kleine Tieraktivist*innenszene bringen wollte. Jetzt kann ich aus Erfahrung sagen, dass eine queerfeministische und anti-kolonialistische Herangehensweise ans Leben und an den Aktivismus viel mehr Leute ‘für die Tiere’ zusammenbringt (und die Menschen und die Umwelt) als eine willkürliche Rechte-und-andere-Arschlöcher-willkommen-Einstellung.

GWD: Welche Gemeinsamkeiten bzw. Überschneidungen gibt es denn noch zwischen Veganismus und Feminismus?

Aga: Also nicht nur die Idee des Consent-Einholens ist die Basis beider Bewegungen, aber vor allem verbindet beide die Arbeit gegen sexualisierte – oder ‘gegenderte’ – Gewalt. Fakt ist, dass Tiere, die anhand ihrer Geschlechtsorgane als weiblich klassifiziert werden anders ausgebeutet werden, als Tiere, die für die Industrie, in Bezug auf ihre Reproduktionsfähigkeiten, nicht so profitabel sind. Die Art und Dauer der Ausbeutung liegt im direkten Zusammenhang mit der Vergegenständlichung des Tieres. Tiere werden komplett auf ihre (re)Produktivität reduziert und werden somit zu Objekten des Kapitalismus. Sie werden also dargestellt als Maschinen und nicht als die Individuen, die sie sind — mit komplexen Identitäten und Beziehungen. Ähnlich funktioniert die Vergegenständlichung der Frau und der trans Person. Wer die Bedingungen des Patriarchats (und des Kapitalismus) nicht erfüllen will oder kann, die*derjenige wird einfach zur Sache gemacht, die Persönlichkeit wird ausgelöscht, so dass das Individuum wie eine Ware aus- und eingetauscht werden kann, wenn es dies in Frage stellt. Diejenigen, die die wertvollste Ware produzieren, sind die Mächtigsten — im Patriarchat sowie im Speziesismus. Vom Patriarchat lernen wir, Nicht-cis männliche Menschen, sowie People of Colour (POC) und Menschen mit Behinderungen als Ware, welche benutzt, ersetzt und unliebevoll behandelt werden kann zu konstruieren. Im Speziesismus lernen wir, (nicht-menschlichen) Tieren als zu verzehrendes Fleisch oder zu konsumierende Unterhaltung zu begegnen. Ein anderer Punkt, der Feminist*innen zum Vegansein animiert, ist der Kampf gegen Hypermaskulinität, die doch so eng und so offensichtlich mit Fleischkonsum (und auch mit der Jagd) zusammen hängt.

GWD: Du meinst Werbung, welche mit Sexismus für den Konsum von tierlichen Produkten wirbt und dabei Rollenvorstellungen bedient?

Aga: Ja, genau. Eine ganz einfache Übung in der Medienanalyse veranschaulicht dieses Phänomen sehr gut: Wir müssen uns nur mal im Alltag umschauen; beim Fernsehen, Radio hören, beim Rumlaufen/Rumfahren, achtet mal auf die Werbung, die ihr so (vielleicht oft sehr unbewusst) aufnehmt. Die Fleischwerbung ist oft an Männer gerichtet und beinhaltet eine beliebige Anzahl von binär-sexistischen Elementen: Tiefe männliche Stimme oder verführende weibliche Stimme, Männer reduziert zu Muskelpaketen, Frauen reduziert zu Beinen, Brüsten oder Hintern, oder die Sexualisierung von zu konsumierenden Tieren, denen Körperteile so wie lange Beine oder ein großer Busen fast satirisch zugeteilt werden. Als Antispeziesist*innen müssen wir also dieser Hypermaskulinität mit einer queerfeministischen Taktik entgegentreten. Wir müssen sie in ihrer cis/hetero-Normativität treffen und zerstören. Unter anderem tun wir das bereits schon durch das Essen von Gemüse und dadurch, dass Menschen ihre cis-/hetero-Privilegien überdenken und ablegen.

GWD: Es fällt in diesem Kontext häufig der Begriff der Intersektionen/Intersections. Wie lässt sich der Begriff historisch einordnen und was verstehen wir heute darunter?

Aga: Intersektionalität (intersectionality) wurde von der Juristin und Critical Race Theoretikerin Kimberlé Crenshaw 1989 definiert. Das Konzept beschreibt die Erfahrung, die frau macht, wenn sie gleichzeitig als Person of Colour (POC) und als Frau durchs Leben geht und dazu noch zur Arbeiter*innenklasse gehört. Im feministischen Aktivismus hören wir oft den Slogan ‘my feminism will be intersectional or it will be bullshit’ (mein Feminismus wird intersektionell sein, sonst wird er scheiße).

Super Idee, nur leider haben die weißen Tierrechtler*innen den Slogan an sich genommen und ihn umgemünzt. Ja, okay, wir erkennen, dass Tiere zum Beispiel von so etwas wie Intersektionalität betroffen sind, zum Beispiel als weibliche Kuh ist ein Tier vom Speziesismus und gleichzeitig vom Sexismus betroffen. Nur kann hier nicht von Intersektionalität die Rede sein, weil das Wort eben die Erfahrung, die als POC Frau der Arbeiter*innenklasse gemacht wird, beschreibt. Und in der von weißen Menschen dominierten Tierbefreiungsszene ist ein solcher Gebrauch des Konzeptes nichts anderes als Cultural Appropriation bzw. kulturelle Aneignung — eine Aneignung einer Ausdrucksweise einer marginalisierten Kultur durch Personen die dem dominanten und normativen Teil der Gesellschaft angehören, und die ursprüngliche Bedeutung verfälschen. Ja, Tiere und weiße Menschen leiden dadurch, dass sie mehrfach marginalisiert werden können wegen einer Vielfalt an Identitätsdimensionen, die nicht ins dominante Bild passen. Aber deswegen müssen wir, weder bei Tieren noch bei weißen Menschen, nicht von Intersektionalität sprechen. Vielleicht wäre sprachlich hier eine ‘Vernetzung von Identitätsdimensionen’ besser?

GWD: Du würdest also dafür plädieren, die Idee hinter Intersektionen zu unterstützen, aber die Begrifflichkeit maximal mit großer Vorsicht einzusetzen, falls überhaupt. Was schlägst Du stattdessen vor?

Aga: Ja genau. Crenshaw’s Idee ist durchaus sehr hilfreich dabei Intersektionen, also Kreuzungen und somit Verbindungen zwischen verschiedenen Identitätsdimensionen, die zu unserer Unterdrückung beitragen, zu identifizieren. Jedoch gehört sie für mich zum Verständnis für die Erfahrungen von POC Frauen der Arbeiter*innenklasse. Wenn also schon die Rede von intersectionality ist, dann sollten wir auch Kyriarchie diskutieren — Ein Wörtchen, das super hilfreich ist, um die Befreiung aller Menschen und den Kampf für Tiere zu berücksichtigen. Kyriarchie wurde 1992 von Elisabeth Schüssler Fiorenza definiert und bezieht sich auf das System, das eine Autoritätsperson und eine ihr unterliegende Person voraussetzt (kyrios: Meister, Herr, archo: Regierung, Herrschaft). Das Konzept geht über das des Patriarchates hinaus und erkennt auch andere Formen der Unterdrückung als nur den Sexismus. Kyriarchie ist also die Zusammensetzung von allen Systemen der Unterdrückung, wie zum Beispiel Homophobie, Rassismus und Klassismus.

Kyriarchie zu bekämpfen, heißt den durch zum Beispiel Kapitalismus, Ableismus und Nationalismus (etc.) marginalisierten Identitätsgruppen einen Raum zu bieten, in dem diese sie selbst sein können. Das ist ein Raum, in dem sie sich nicht die dominante Sprache und Verhaltensweise aneignen müssen, um zu existieren. Das ist ein Raum, den sie frei wählen können. Ein Raum, der Fenster hat, durch welche sie die normative Gesellschaft beobachten und ggf. verabscheuen können sowie gleichzeitig vor ihr geschützt sind. So einen Raum und seine Geborgenheit einem unterdrückten Kollektiv von Menschen zu bieten — bzw. sie zu unterstützen, sich einen solchen Raum selbst zu nehmen — ist das Mindeste, was wir, als dominanter Teil der Gesellschaft, tun können. So ein Raum wird manchmal auch als Safe Space bezeichnet.

GWD: Die Umweltbewegung und die Tierrechtsbewegung haben offensichtlich eine hohe Überschneidung, allein wenn wir die katastrophalen Folgen der industriellen Haltung von nicht-menschlichen Tieren betrachten. Bei der Grünen Woche greifen Umweltzerstörung und Speziesismus ineinander. Die Umweltschutzgruppen scheinen sich aber nicht so recht mit Tierrechtspositionen zu identifizieren. Es scheint, dass gerade die Tierrechtsaktiven wohlwollend mit anderen Bewegungen zusammenarbeiten möchten, oder sich gar als Teil dieser sehen, aber häufig nicht anders herum. Wie lässt sich dies aus antikyriarchischer Sicht erklären und bewerten?

Aga: Ja, da haben wir schon ein Problem. Einerseits haben wir diese dominanten Leute, die, wie vorher genannt, alles ‘für die Tiere’ tun, und somit mit Rassist*innen und Unterdrücker*innen kollaborieren und unsere Bewegung durch die braune Scheiße ziehen möchten und andererseits wollen die Feminist*innen und die Umweltler nichts mit uns zu tun haben, obwohl wir doch so lieb fragen, ob sie doch bitte keine Tiere essen würden, sodass wir uns gegen diese scheußliche Kyriarchie verbünden können. Ich glaube, was Leute übers Vegansein wissen, ist viel unattraktiver (wissenschaftlich und auch kulturell konstruiert) als was sie übers Fleischessen wissen (neben Klassikern wie „Vegansein ist unnatürlich“, „Veganer*innen sind ungesund“, auch neuere Dinge wie „Attila Hildmann ist scheiße, also sind alle Veganer*innen scheiße“). Vegansein ist ein Trend. Trends werden vom Kapitalismus angekurbelt. Der Kapitalismus ist der Feind der Feminist*innen und der Umweltschützer*innen. Was beide nicht wissen, ist, dass der Kapitalismus auch der Feind der Tierbefreier*innen ist. Anstatt von den ganzen neuen veganen Käsealternativen zu schwärmen und alt eingestandene Fleischproduzierende für vegetarische Produktlinien zu loben, müssen wir anfangen, von sozialer Gerechtigkeit zu sprechen. Vor allem in Aktivist*innen-Kreisen, wo wir schon Leute kennen, die Soziale Gerechtigkeit wollen und die den emanzipatorischen Gedanken schon sehr tief verinnerlicht haben, müssen wir aufhören vom Veganismus zu sprechen. Stattdessen, lasst uns mehr den Antispeziesismus im Kontext des Consent erklären.

GWD: Hat die Tierrechtsbewegung ein Imageproblem?

Aga: Ich glaube, dass die meisten Leute, die nichts mit Antispeziesismus anfangen können und die sich auch anderweitig nicht als Aktivist*innen sehen, uns vielleicht ein bisschen bewundern. Das war jedenfalls bei mir so, bevor ich wusste, was Speziesimus und Vegansein ist. Die denken sich vielleicht: ‘Wow, das ist toll, dass jemand für etwas auf die Strasse geht. Und Tiere sind süß — niemand will ihnen weh tun, also ist das eine gute Sache, wenn was für Tiere getan wird’. Wenn wir uns dann aber in der Aktivist*innenszene schlau machen und die Leute, die Zugang zum Tierbefreiungsmilieu haben, befragen, die werden uns auf jeden Fall sagen, dass wir ein Imageproblem haben. Obwohl ich nicht denke, dass das unbedingt eine schlechte Sache ist. Es ist gut, dass wir ein Problem erkennen und uns kritisch mit unserem Umfeld auseinandersetzen. Wir sind auf jeden Fall ein sehr gleichförmiger und exklusiver Haufen, bis auf ein paar vereinzelte Beispiele. Aus meiner Erfahrung sind die meisten lokalen und auch institutionalisierten Gruppen sehr dominiert durch weiße Männer, die nicht sehr viel von political correctness halten und zum Beispiel nicht einsehen, dass es unangebracht ist, Holocaustvergleiche zu machen. Genauso stören mich unsere Methoden, Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen. Wenn wir grausame Szenen einfach auf der Straße nachstellen, in denen Blutübergossene Babies von ihren Müttern weggerissen werden, um auf die Milchindustrie aufmerksam zu machen, frag ich mich, ob wir überhaupt noch einen Funken Respekt für diejenigen Tiere haben, für die wir kämpfen und vor allem, was für Leute wir mit solchen geschmacklosen Stunts denn eigentlich einladen wollen? Frauen in Salatbikinis machen Werbung für Tierrettung? Also die Leute für die das Sinn macht, die will ich bestimmt nicht in meinem Gruppentreffen sitzen sehen. [3]

GWD: Wir brauchen also eine andere Strategie…

Aga: Ja, wir müssen auf das Leiden der Tiere und der Umwelt aufmerksam machen (wenn wir die Umwelt nicht retten, können wir den Tieren auch nicht helfen). Nein, wir dürfen auf keinen Fall kyriarchische Methoden dafür gebrauchen, die billige Unterhaltung durch Gewalt und Schock produzieren oder gewalttätige Menschen in unsere Aktionen miteinbeziehen. Also würde ich vielleicht nicht so sehr von einem Imageproblem sprechen, sondern eher von einem Problem der Taktik, das zu Stande kommt durch die fehlende Auseinandersetzung mit unserer eignen Dominanz und unseren Privilegien. Also, ich glaube, um eine bessere Welt für alle Tiere, Menschen eingeschlossen, zu ermöglichen, müssen wir den Fokus mehr auf Antispeziesimus richten der konkret den Tieren die heutzutage leben hilft und das Vegansein einfach als einen heute leicht durchführbaren Teil davon anerkennen, der sich aber als logische Konsequenz ergibt und nicht als Selbstzweck existiert. Denn die fatalen Auswirkungen des Kapitalismus werden sich ganz bestimmt nicht marktförmig lösen lassen. Am wichtigsten ist jedoch, dass wir alle lernen, unsere noch so kleinen unterdrückenden Verhaltensweisen zu erkennen und zu beheben, um somit mehr Platz für vielfältige Befreiungskämpfe in unserer Bewegung zu schaffen.

Im Januar wird es wieder unterschiedliche Möglichkeiten geben dem Greenwashing der Grünen Woche etwas entgegen zu setzen. Unter anderem sind die Verleihung des Negativpreises „Rosa Brille“ an den Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft am 11. Januar, unterschiedliche Theateraktionen mit Vorbereitungstreffen am 9. und 10. Januar und eine Vortragsreihe zu den unterschiedlichen Auswirkungen der kapitalistischen Landwirtschaft geplant bei denen wir uns sehr über eure Anwesenheit und Unterstützung freuen würden!

Mehr Infos findet ihr auf unserer Website:  gruene-woche-demaskieren.de

Wer sich bei den Vorbereitungen mit einbringen möchte kann sich gerne unter aktionen-gruene-woche(at)riseup.net bei uns melden

Übersicht der Vortragsreihe: facebook.com/events/179621645719849

[1] Siehe auch https://friederikeschmitz.de/veganes-blutvergiessen-und-die-weidefleisch-fiktion/

[2] Als „cis“ werden Personen bezeichnet, die mit dem biologischen Geschlecht auf die Welt kamen mit dem sie sich identifizieren. Es ist also das Gegenteil des Wortes „trans“.

[3] Diese Formen des Aktivismus finden sich meistens bei single-issue Aktionen und Gruppen, typischerweise aus dem Tierschutz, seltener aus dem Tierrecht, welche sich ausschließlich für nicht-menschliche Tiere einsetzen und sich teilweise explizit von anderen Kämpfen distanzieren. Konkrete Beispiele hierfür sind etwa PeTA oder 269life.